Aktienbrauerei Kaufbeuren Ganghofer Zwickl Dunkel Jubiläumsbier
(5,2 %) seit 1308 (!!) aus Kaufbeuren in Bayern:
Vorneweg; das Bier war bereits abgelaufen, als es mich erreichte. War
aufgrund dieser Rarität nicht anders zu bewerkstelligen und es
bleibt die Hoffnung, dass dieses Zwickl trotz Ablauf noch genießbar
ist. - - Als nächstes sei die grandiose Bügelverschlussflasche
erwähnt, die in ihrer Bauchigkeit nicht oft zu finden ist und jeden
normalen Getränkehändler die Schweißperlen auf die Stirn
treibt. - - Geruchlich deutet vorab nichts darauf hin, dass dieses Bier
eigentlich um ist. Sehr frischer, leicht trockenmalziger, etwas fruchtiger
und ansatzweise herber Geruch von großer Brandbreite und Natürlichkeit.
Nicht übermäßig tief. Dafür frisch und naturnah.
Der Schaum gibt sich sichtbare Mühe. Wölbt sich stark auf,
kurz, erfreut durch fein Poren, hält sich aber nicht übermäßig
lange. Die Farbe ist ein naturtrübes, mittleres Braun, mit einem
in sich eingeschlossenen, dezent leuchtende Orange mittig.
Täusche ich mich, oder wird da eine schinkenartige Nuance kredenzt?!
Ein leicht modrig-schlammig, wohliges, schinkenähnliches Aroma
empfängt den Trinker. Auch ein bisschen Pilz ist dabei und Brotrinde,
neben trockener, nicht zu spröder Hefe. Der Antrank glänzt
durch eine verblüffende Artenvielfalt. Das Ganze erinnert an etwas
feuchtes, waldbodenartiges, herbstliches. Vor allem am Anfang bietet
dieses Bier eine wirklich beeindruckende Bandbreite an ungewöhnlichen
Aromen. Ab dem Mittelteil verblasst der Eindruck leider etwas. Zwar
setzt sich gerade hier das weiche Wasser und die sehr dezente, feinperlende
Kohlensäure gut in Szene, das Aroma sackt jedoch etwas in sich
zusammen, verglichen mit dem sehr anspruchsvollen Antrank. Überhaupt
überrascht dieses Zwickl durch eine sehr reife und stramm durchkomponiere
Erscheinung. Das wirkt nicht jung oder grün. Das wirkt verdammt
erwachsen. Mit Abstrichen ab der Mitte und im Abgang. Hier läuft
es sich etwas aus. Trotzdem bleibt jederzeit der Eindruck eines extrem
beeindruckendes Bieres bestehen. Das ist sicher und definitv kein Trank
zum einfach-so-konsumieren. Das ist ein Bier, auf das man Muße,
Konzentration und Geduld vereinen muss, um es voll genießen zu
können. Vielleicht ist auch ein gewisses Maß an Biertrinkerfahrung
nötig; auf jeden Fall kann man den Ganghofer nicht einfach so zur
Brotzeit zum Abspülen benutzen. Das ist schon große Bühne.
- - Es hat etwas hintergründiges, fast mystisches, im Kommerzsektor
niemals zu findendes, ereignisreiches. Jeder Schluck macht ein wenig
nachdenklich. Man blickt es an und ist beeindruckt; auf eine friedfertige,
tiefe Art. Selten so etwas ungewöhnliches, anspruchsvolles, entspannt-erhabenes
getrunken. Schinken-Pilz-Hefe-Malz-feucht-trocken. Verrückte Sache.
Dankbar, es getrunken zu haben. Man könnte mit diesem Bier durch
einen nicht zu kalten moosigen Wald laufen und würde sich wohl
fühlen.
Fazit: Große Bühne
Wertung: + + + + + - [t
12/05]
Gebraut nach dem Reinheitsgebot von 1516: JA
Inhaltsstoffe: Wasser, Gerstenmalz, Hopfen, Hefe
PS: Tausend Dank an Gernod W. aus Nürnberg für
die Beschaffung und Zusendung dieses Bieres.