Anchor Brewing Humming Ale (5,6 %) 0,33-Liter-Flasche seit 1896 aus San Francisco in den USA:

Die Anchor-Brauerei hat sich bei uns in der Vergangenheit einen guten Namen gemacht. Endlich sind auch weitere Sorten erhältlich. Hier und heute das Humming Ale. Abgefüllt in den wohl proportionierten, bauchigen 0,33-Liter-Flaschen. Der Schaum ist eine Wucht. Mächtig steht er im Glas. Feingliedrig. Feinporig. Sahnig. Hoch aufstaffelt. Cremig. Fest. Standhaft. Das ist enorm gut. Drunter ein hefetrübes Rostrotbraunkupfer. Extrem citrusgeprägter Duft. Limone und deren Schale. Grapefruit und deren Schale. Saure Momente. Säuerlich-frische Impressionen. Sehr ausdrucksstark und präsent. Sehr intensiv und breitschultrig. Dabei schlank, flott elegant. Entfernt erkennt man übrigens noch grasig-ätherische Nuancen.
Grandioser Antrank. Nussig-grasig-ätherische Impressionen bilden das Rückgrad des Aromas. In reichhaltigen Variationen. Hefiges stößt hinzu. Grapefruit nimmt einen großen Teil des Spektrums ein. Verblüffend natürlich, frisch und saftig. Harzige Honigfragmente huschen vorbei. Säuerlich-Grün-grasiges wirkt ansprechend, exotisch und vertraut zugleich. Die Intensität des Geschmacks ist enorm. Die Vollmundigkeit sagenhaft. Die Aromen dringen mit einer Wucht ins Geschmackszentrum, das einem schwindelt. Die harzigen Honignuancen haben Format und Klasse. Der Hopfen sprengt Grenzen, taucht in seiner Hopfigkeit, sauren Bitterkeit, seiner Citrusverbundenheit alles in ein helles, glänzendes Licht. Ingwereinflüsse sind so stark, dass man es kaum glauben kann. Dabei weder erdig noch waldbodenartig im Entferntesten. Sehr schlank und akzentuiert. Orangenschalen tauchen auf. Bitte rund säuerlich sowie feinsüß zugleich. Das Bier schmeckt extrem edel und anspruchsvoll, ist edel, natürlich und in seiner Abstimmung sehr kompakt, harmonisch und frei. Die Nuancen des Geschmacks hämmern regelrecht an die Geschmacktür und fordern (erfolgreich) Einlass. Die säuerliche Bitterkeit erreicht Höchstform. Sicher kein Bier für Liebhaber möglichst seichter, neutraler Biere. Das Humming Ale aus San Francisco ist eine Geschmacksbombe. Es erfordert Freigeist, Hingabe und Konzentration. Erst mit der entsprechenden Offenheit kann man die unzähligen Schattierungen entdecken. (Übrigens steuert die Hefe einen herrlich ausgewogenen, mehligen, seidig-nussigen Unterton bei.) Eine hintergründige, vanillegeküsste Honigbrillanz prickelt kurz am Gaumen. Das Ale hat Temperament und Ruhe, Reife zugleich. Der Charakter ist ehrlich, edel, fest und liberal. Ein Bier für alle. Die Muße, Stehvermögen, Kritik und Offenheit genug haben, um solch ein Bierjuwel zu entdecken. Es gibt wahrlich nicht viele Brauereien auf unserer Erde, die so intensiv und begeisternd brauen. Im schottischen Fraserburgh gibt es eine Stätte, die Ähnliches auf die Beine stellt. Aber der Vergleich passt hier nicht. San Francisco ist weit weg … und gesegnet mit einer Produktion höchster Güte. Wie könnte jemand ein anderes Bier überhaupt trinken, fände er den Zugang zu diesem Aromapfund? Es haut einem wirklich das Blech weg schon beim allerersten Schluck. Die Aromen überwältigen. Der Geschmack vernebelt. Jeder Schluck ist ein Labsal, eine Offenbarung, und fordert mehr. Trotz aller Intensität bewahrt sich das Humming Ale eine formidable Eleganz. Mein neidet keinen Moment. Man gönnt. Das Grasige, das Grüne, das Citrusartige, die Grapefruit des Hopfens … das sind Meilensteine. Und das Malz passt das perfekt rein, versucht erst gar nicht aufzuschließen, was niemals erreichbar wäre, sondern unterstützt tief unten mit einem gleichmäßigen, gedehnten, ausbalancierten Fundament allererster Güte. Ein Bier wie aus dem Bilderbuch. Unglaublich in der Ausstrahlung. Und stünde die Flasche nicht hier vor mir auf meinen Testtisch … ich würde wetten, es käme frisch aus einer Hausbrauerei. Das ist Bierkunst. Amerikanische zwar. Aber das müssen wir hier und heute schlucken. Die Amis haben heute Braustätten, zumindest eine, die jedem engagierten Bierliebhaber Mitteleuropas die Schweißperlen auf die Stirn treiben … oder den Bierhorizont ungemein erweitern. Schmeckt das unglaublich gut. Ich verneige mich.

Fazit: Ein Bier für alle
Wertung: + + + + + + [t 06/11]
Gebraut nach dem Reinheitsgebot von 1516: k.A.
Inhaltsstoffe: k.A.