Beck-Bräu Zoigl (5,8 %) 5,0-Liter-Fass, seit 1895 aus Trabelsdorf
in Bayern:
Vielleicht ist es den anderen Probanden gegenüber wirklich generell
unfair, unter solchen Bedingungen wie hier und heute zu testen. Möglicherweise
sollten wir für DIESE Umstände eine ganz eigene Kategorie
einbauen, um den anderen Gebräuen nicht den Boden unter Füßen
wegzuziehen. Eventuell vergleichen wir hier (unbewusst) Äpfel mit
Birnen und tun den „normalen“ Tränken komplett unrecht,
verzerren am Ende komplett das Bild. Aber, ganz ehrlich, das ist mir
egal. Völlig egal. Dieses Zwickel ist einfach zu sehr der Knaller
schlechthin. Nur ein frisches, vor wenigen Tagen mit allen Raffinessen
und Inbrunst gebrautes Bier FRISCH VOM FASS kann so schmecken, wie dieses
Bier schmeckt. Keine Frage. - - Es kommt in der Tat nicht oft vor, dass
wir ein ganzes Fass zum Testen zugeschickt bekommen, oder, wie in diesem
Falle, ZWEI Fässer. Und so komme mir ruhig einer mit Wettbewerbsverzerrung.
IST MIR EGAL! Denn ich habe selten einen Trank gekostet, der vom ersten
Augenblick an solch eine wunderbare Entfaltung darbot und ähnliche
Freudenstürme erzeugte. Aber der Reihe nach …
Der Schaum macht den Eindruck, als sei er von irgendeinem avargandistischem
Künstler auf Optik und Figur getrimmt worden. So geschliffen, perfekt
und edel sieht er aus. Aber weit gefehlt, der Schaum ist ECHT! Mikroskopisch
kleine Poren vereinigen sich zu einem eischneeartigen Gewölle höchster
Dichte. Das Volumen ist ein Traum. Der Stand märchenhaft. Und beginnt
man mit dem ersten Schluck, so kitzelt die Krone behutsam die Oberlippe.
Herrliches Gefühl. - - Die Farbe ist ein naturtrübes, ehrliches,
mitteldunkles, korkiges Haselnussbraun. Matt, dennoch glänzend.
- - Der Duft ist viel versprechend, vielschichtig, hintergründig,
fast geheimnisvoll, ungemein natürlich und naturnah, spritzig und
schlank, vollmundig und tief, weitgreifend, griffig, unverbogen. Fruchtig-herb
ist die Grundausrichtung. Es finden sich holzige und trocken-hefige,
apfelfruchtige, bitterhopfige, elegante und weit hinten auch nussige
Nuancen. Was für ein Aromaschwall dringt durch meine Nüstern!
Und dann kommt der Antrank.
Was für eine Wucht. Welch Intensität. Woher kommen all diese
Aromen? Pilzartig trockene, leicht pulvrig-pudrige, holzige und in Ansätzen
nussige Elemente. Viel Frucht kommt vor. Apfel. Orangen. Mandarinenschalen.
Eine sehr frische säuerliche Note heimst viel Sympathie ein. Der
Hopfen tritt trocken, bitter-fruchtig, selbstbewusst, klassisch und
edel auf. Das Malz verströmt eine ansatzweise süße,
vor allem im letzten Drittel durchaus aktive Zuckrigkeit. Dann kommt
aber rechtzeitig der Hopfenkonter; das Finish ist voll von herrlicher
Bitterkeit, einer grapefruitartigen Fruchtimpression, Spiralen wohliger
Aromaschichten winden sich gleichmäßig empor. Etwas Steinpilzartiges
kommt vor. Aber auch der Apfel hat großen Anteil am Gesamtbild.
Ebenfalls Anflüge von Orangen und Mandarinen. Und über allem
steht dieses Typische, dieses Authentische, dieses Sortenreine eines
Zwickels. Noch nicht ganz trocken hinter den Ohren. Wild. Draufgängerisch.
Ungestüm. Ecken und Kanten sind vorhanden, willkommen! Die Hefe
atmet noch wilde Frische, besitzt einen Hauch Ruchlosigkeit, etwas Unbändiges.
Das Malz wiegt sich scheinbar noch auf dem Felde, so viel Lebendigkeit
und Frische strahlt es aus. Alle Zutaten zusammen scheinen harmonisch
zueinander zu finden, aber nur scheinbar, denn alle beharren sie am
Ende doch auf ihren Wurzeln und ihrer Unabhängigkeit, wollen sich
noch mal so richtig austoben, ohne es dabei an Respekt dem andern gegenüber
fehlen zu lassen. Und das ist gut so. Richtig gut. Das gibt dem Bier
etwas Experimentelles, etwas Vorwärtsdrängendes. Der Geschmack
steckt voller Freiheit, Überraschungen, Spannung, Facetten. Und
über allem liegt zusätzlich dieser Mythos der Frische, der
Spritzigkeit, des Lebendigen, das Hausbrauereifeeling ist hier so greifbar
und präsent, man muss die Augen öffnen, um gewahr zu werden,
dass man daheim sitzt und nicht am Kupferkessel. - - Im Finish taucht
kurz vor Ende noch eine sehr kräftige, fast likörartige bzw.
bockbierähnliche Schärfe auf, die keineswegs stört sondern
eine Dynamik besitzt, die wärmt und begeistert, beeindruckt! Danach
kommt ein kauzig-saurer Apfelschalenschimmer, der lange am Gaumen verharrt.
Man! Was für eine Ausstrahlung. Was für ein Charakter. Was
für ein Bier. Bleibt noch zu sagen, dass das Wasser in seiner Weichheit
beinahe einen Kontrast zum ansonsten ultraagilen und mutigen Aroma bildet.
Natürlich nur symbolisch, denn das Samtige geleitet jeden Schluck
ungemein mild und wohltuend in Richtung Gaumen. Was wäre dagegen
zu sagen? Die Kohlensäure ist, wie soll ich das beschreiben? –
keine Kohlensäure, es ist ein weiches Kissen, auf dem der Geschmack
geradezu schwebt. Erreicht wird ein ungewöhnliches, fast seltsames,
man könnte auch sagen: mystisches Mix aus Harmonie, Bekömmlichkeit,
Ausgewogenheit auf der einen sowie Leidenschaft, unbändigem, feurigem,
hitzigem, unaufhaltsamem Schwung auf der anderen Seite. Was für
ein Kräftemessen! Die Süffigkeit liefert sich ein eifriges
Gefecht mit der Dichte und Kompaktheit des Aromas; es kann keinen Sieger
geben. Und wenn Natürlichkeit und Frische einer Definition bedürfen,
dann kann sie nur Beck-Bräu Zwickel heißen. Ganz ehrlich.
Ich übertreibe nicht. Und habe auch schon genug Biere getrunken.
Dieser Trank ist etwas Außergewöhnliches. Es ist wie das
Hören auf einer High-End-Anlage, nachdem man vorher dem Kofferradio
gelauscht hat, wie der Umstieg vom Smart auf den Aston Martin, wie der
Flug von Frankfurt nach Buenos Aires in der First Class statt Economy
– mit einem Unterschied (!), dieses Bier kostet genauso viel,
wie alle anderen auch, ist kein Luxusgut oder gar unerschwinglich. Nein!
Es ist ein simples, genial gutes, einfaches BIER. Nicht mehr. Und nicht
weniger. Mit einem kleinen Unterschied: es schmeckt um Welten besser,
als 98 % aller anderen Produkte, die man landauf, landab erstehen kann.
Dieses Bier mundet, als wäre es eben erst gebraut und aus dem Lagertank
in mein Glas geflossen. Es ist mir, als säße ich direkt an
der Quelle und tränke das kühle Nass geradewegs aus dem Hahne.
Indirekt tue ich es auch, denn der Hahn wird mir sicher noch einige
Halbe aus seinem 5-Liter-Bauch schenken. Was für ein gelungener
Testabend. - - OK. Man merkt schon – dieses Bier begeistert. Drum
möchte ich nochmals kurz sachlich werden, um mich anschließend
(hemmungslos) dem Rest des Fasses hinzugeben. Der Geschmack ist geprägt
von holzig-fruchtigen, bitteren Einflüssen, ist herb, trocken,
dann aber auch süß und zuckrig, steckt voller Wendungen und
Überraschungen, hat etwas Pilzartiges, was sehr edel wirkt, dann
wieder Hefeeinschläge, die an Dynamik und Wildheit kaum zu übertreffen
sind; Orangen und Apfel sind klar spürbar. Das Wechselspiel zwischen
süßem Malz und herbem, bittrem Fruchthopfen – genial!
Dazu ein absolut individueller und einprägsamer Ton, der mit nichts
zu vergleichen ist. Jeder schluckt schmeckt typisch, pur, bodenständig,
authentisch, und man hat mit jedem neuen das gute Gefühl, etwas
gesundes, handgemachtes, handwerklich Außergewöhnliches zu
trinken. Nichts von der Stange, sondern etwas Maßgeschneidertes.
Herrlich Bitter. Anregend spritzig und sauer. Voller Volumen, Tiefe
und Ausdruck, Spielfreude! Mandarinenschalen. Tiefste Vollmundigkeit.
Ausgewogene Milde. Gefährliche Süffigkeit. Eine lebendige,
wärmende Rauheit, unverbogen und ehrlich. Hefe, die man bei jedem
Schluck nicht nur schmeckt sondern SPÜRT. Ein Malz, das straff,
jung, dynamisch und kräftig dasteht wie aus dem Ei gepellt. Und
ein Hopfen, dem schon eine gehörige Portion Raffinesse und Schlitzohrigkeit
innewohnt, er diese aber noch nicht ganz freilässt sondern sich
lieber in der ungestümen Grundstimmung auslässt. Die Geigen
kommen später, hier regiert erst mal die (verzerrte) Gitarre –
virtuos gespielt. Man. Es ist einfach eines dieser Biere, die man pro
Jahr nur ganz selten auf den Testtisch bekommt und von denen man sofort
weiß: es ist etwas BESONDERES. Auch wenn einem die richtigen Worte
dafür fehlen. Man möchte überhaupt nicht mehr aufhören,
an diesem Bier herumzuschlucken, zu zuzzeln, saugen, daran herumzutrinken.
Herrgott schmeckt dieses Zwickel gut. Mein herzlichster Dank und allergrößter
Respekt schicke ich hiermit in Richtung Trabelsdorf – bevor ich
mein leeres Glas ein weitere Mal in Richtung Zapfhahn trage.
Fazit: Die richtigen Worte
Wertung: + + + + + + [06/09]
Gebraut nach dem Reinheitsgebot von 1516: JA
Inhaltsstoffe: Wasser, Malz, Hopfen, Hefe
PS: Ein weiteres Mal gebührt mein Dank Andreas
G. der mit viel Herzblut und Stolz an seinem Projekt erfolgreich werkelt
und uns diesmal nicht nur mit einem sondern mit ZWEI Fässern beglückt
hat.