Fullers Vintage Ale 2008 No. 75464 Limited Edition (8,5 %) 0,5-Liter-Flasche
seit ? aus London in England:
Ich muss gestehen: diese Flasche steht schon knapp ein Jahr bei mir
im Keller. Immer wieder habe ich die Verköstigung verschoben. Teils
aus Respekt. Teils aus Furcht vor dem Ergebnis. Denn ein 8,5er aus Großbritannien,
der rund 4 Jahre haltbar ist, könnte unter Umständen für
einige Probleme sorgen. Gleichzeitig mahnte das Äußere zur
Andacht. Nun. Da es heute nach Wochen der Hitze endlich mal wieder regnet
und auf unter 20 Grad abgekühlt ist und mir museale Neigungen nicht
auf Dauer den Bierzugang versperren können, fühle ich mich
endlich berufen, mein Gemüt zu wärmen. Mit diesem Bier, das
übrigens äußerlich so wundervoll gelungen gestaltet
ist, dass jedem, der ein Auge für so etwas hat, das Herz aufgeht.
Unglaublich edel und stilvoll. Alleine der Karton, der an Whiskybehältnisse
erinnert, wirkt fabelhaft. Könnte, wie angedeutet, im Museum stehen.
Ich bin sehr gespannt.
Was für ein Geruch. Das ist potenzierte Opulenz. Es riecht nach
Brombeeren, Holunder, Heidelbeeren, schwarzen Johannisbeere. Dazu kommt
ein leicht medizinischer Hauch zur Geltung, der mit dieser feinen Kräuternote
fast wie eine Heilsalbe wirkt. Spuren von Leder und Tabak mischen sich
mit hinzu. Deftig-würzige Malzaromen tragen dick auf. Welch Intensität.
Eine Spur Lakritz ist vorhanden, weit hinten, etwas weiter im Vordergrund
spielt ein Schimmer Mokka sanfte Klänge an. In irgendeiner Ecke
schlummert noch ein sanfter Citrushauch. Wow. Das überwältigt.
Kaum zu sortieren, was das alles auf den Trinker einprasselt.
Was für ein Kracher. Man oh man. Das ist eine Wucht.
Portwein, in Eichenfässern gelagert. Malzmonsterwogen. Rasant,
unbarmherzig, monumental. Das Fruchtige lässt nicht nach. Rosinen.
Schwarzbeeren. Holunder. In facettenreichen und schwungvollen Bahnen
überbieten sich die Impressionen an Intensität. Leder. Tabak.
Verblüffend, wie weich, seidig, leicht ölig. So viele Schichten.
Mein Gott. Harzige Malzeinflüsse. Karamell in nussigem Anstrich.
Hier ist wirklich alles Vertreten. Kräuter schimmern durch. Was
ist das alles drin? Das Malz ist natürlich zentral. Edle Eisbocknuancen
deuten die Kraft an, die in diesem Ale steckt. Von Vollmundigkeit zu
sprechen, erübrigt sich eigentlich. Viel zu tief, fest und voll
schmeckt dieses Gebräu. Das Wasser ist fein und weich. Die Kohlensäure
tritt fast zurück, sorgt dennoch für eine angenehme Rezenz.
Vom Hopfen geht eine stramme Bitterkeit aus, die vor allem im letzten
Drittel für Herbe sorgt. Honig. Harz. Rosinen. Zucker. Demgegenüber
stehen Tabak, Leder, Bitterhopfen, herbe Schwarzbeeren. Etwas Teer ist
erkennbar. Dunkle Aromen häufen sich. Das Malz expandiert ständig,
explodiert fast. Weinartiges, Portweinartiges ist ständig im Fokus.
Holzige, eichenfässerartige Impressionen untermalen streng und
weich zugleich. Die Kraft dieses Bieres steckt in jedem Schluck. Der
Trinker steht in der Tat vor einer Prüfung, das ist nicht, was
man mal ebenso abtrinkt. Hier ist der ganze Mann gefordert. Halbe Sachen
gehen nicht. Der Anspruch ist enorm hoch. Man muss sich stark konzentrieren.
Vergleichbar etwas mit einer richtig guten Zigarre oder einem edlen
Scotch. Ein Frevel, nicht mit wachen Sinnen zu agieren. So auch hier.
Abgesehen davon, dass die Dichte des Aromas jede Hetze unterbindet,
verlangt der Geschmack Auseinandersetzung, Hingabe, Spürsinn. Hat
man den nicht, so versagt man, oder das Bier, je nach dem, denn dieser
Trank ist so wuchtig und omnipräsent, dass nur schwarz oder weiß
geht; entweder ja oder nein, lieben oder hassen. Schluck für Schluck,
klein und zart, bohrt sich der Geschmack ins Sinneszentrum. Honig. Harz.
Holz. Tabak. Leder. Rosinen. Johannisbeeren. Holunder. Brombeeren. Heidelbeeren.
Zucker. Und was sonst noch so alles schon beschrieben wurde und vorkommt.
Jeder Schluck gaukelt einem ein gewisses Bild vor, ich fühle mich
im Geiste hineinversetzt in einen dieser edlen, elitären Clubs,
in denen weiche, dicke, teure Teppiche ausgelegt sind, gigantische Ohrensessel
in British Green darauf warten, den Besucher zu verschlucken, die Times
liegt aus, andere konservative Blätter warten ebenfalls, gelesen
zu werden, die Wände sind holzvertäfelt, dunkel, in der Mitte
brennt ein Feuer, ummanteln von seltenem Marmor. Die Gäste erscheinen
in feinstem Tuch. Dicke Havannas trüben die Sicht. Die Geräuschkulisse
ist gedämpft. Die Bediensteten sind aufmerksam, halten sich im
Hintergrund. Nur Männer sind anwesend. Ein Wagen mit verschiedenen
Spirituosen steht erreichbar. Darauf ruht, neben noblen Whiskymarken,
dieses Bier. Irgendwie gekühlt, herausfordernd, dunkel, wach. In
solch einem Umfeld wäre dieses Bier wohl zuhause. Bei mir daheim
macht es aber auch eine gute Figur. Nichts leichtes, nichts einfaches,
vielmehr strengt es fast über Gebühr an, und ich bin absolut
sicher, kein Newcomer käme mit diesem Aromahammer klar. Aber mit
der nötigen Offenheit und gewissem Abstand entdeckt man hier unheimlich
viele ungewöhnliche Schattierungen. - - - Warum dann nur die 5?
– Berechtigte Frage. Ein leichter Schleier liegt auf dem Geschmack,
der dadurch etwas gebunden wirkt. Nicht ganz frei und natürlich.
Und an dieser Steller drängt sich leicht der Verdacht auf, dass
diese nachweisliche Massenbrauerei zwar bei dieser Sorte Individualisten
viel Raum gewährt hat, aber im Endeffekt doch nicht wirklich innovativ
gearbeitet wurde bzw. werden konnte. Etwas mehr freies Atmen und Natürlichkeit
hätte man sich noch vorstellen. Ansonsten ist dieses Gebräu
aber ein absoluter Hammer, der extrem viel Eindruck macht und sich schon
beim ersten Schluck den nötigen Respekt verschafft. Hier wird keiner
überheblich oder leichtsinnig. Man zuckt kurz zusammen und schraubt
jegliches Gehabe sofort zurück. Man wird herrlich bescheiden im
Schatten dieses Aromagiganten und fühlt sich klein. Ein insgesamt
beeindruckendes und gelungenes Bier voller Dramatik, Kraft und Schwung.
Wow. Das muss man erst mal brauen - - - und dann erst mal trinken. Die
hätten es sich auch leichter machen können.
Fazit: Man fühlt sich klein
Wertung: + + + + + [t
07/10]
Gebraut nach dem Reinheitsgebot von 1516:
k.A.
Inhaltsstoffe: k.A.
Im Internet unter:
www.fullers.co.uk