Ostfriesen Bräu Landbier Dunkel (4,8 %) Historische Landbrauerei mit Brauhaus seit ? aus Grossefehn-Bagband in Niedersachsen:

Das hat man selten. In Lörrach, im äußersten Südwesten gestartet, über Schlepzig im brandenburgischen Spreewald nach Bagband in Ostriesland. Das sind für 3 Biere einfach fast 1.400 Kilometer. Stolze Strecke. Der Trank aus Ostfriesland ist ein einer schmucken 0,33er-Bügelverschlussflasche verpackt.

Ich zitiere:

"Liebe Kunden, wir sagen Danke! Nur durch Ihre Treue konnten wir unseren Qualitätsanspruch konsequent beibehalten. HIerdruch haben wir im europäischen Qualitäts- und Verkostungswettbewerb European Beer Star 2005 als einziger in der Kategorie Kellerbier dunkel die Goldmedaille erhalten. Ostriesen Bräu Landbier dunkel ist das beste seiner Klasse in Europa, das haben wir nun schriftlich. Ihr R. Krischer Braumeister.“


Eine Frage wirft sich auf. Handelt es sich hier um ein Land- oder ein Kellerbier?* Beide Begriffe erscheinen parallel auf der Flasche bzw. dem Etikett. Gehen wir mal davon aus, dass es ein und dasselbe ist.Auf jeden Fall sind wir jetzt natürlich extrem gespannt. (* auf der Internetseite kann man Einblick in die Prozesse des Hauses nehmen. Hier wird nur von einer einzigen Sorte gesprochen: Landbier dunkel.)
Dunkles Kastanienbraun ergießt sich unter dezentem Zischen ins Glas und schiebt dabei den cremig-beigen Schaum hinauf in Schwindel erregende Höhen. Dort bleibt er lange. Unbeirrbar. Unbestechlich. Hart und fest. Feinporig. Tolles Bild. Der Geruch ist erdig. Satt. Röstmalzig. Beerenfruchtig. Dazu eine Spur Pflaumenmus. Süß. Fruchtig. Brombeeren sind noch zu erkennen. Eine Spur Holunder. Sehr vielfältig und facettenreich. Dabei enorm spannungsgeladen und interessant. Wow. Ostriesland. Ihr könnt riechen.
Der Geschmack ist gleichmäßiger und ruhiger als der Duft. Kompakter. Geschlossener. Nichtsdestotrotz mehr als anregend, überraschend farbenfroh und abwechslungsreich. Das Fundament könnte man erdig, holzig, feinherb-tabakangereichert nennen, verfeinert mit spröden lederartigen Tönen. Die Früchte wirken hier trockener, ausgedörrter, enger, als im Geruch. Dennoch sind sie stark präsent. Das Malz kommt stärker zur Geltung. Trocken. Röstig. Kurz. Gleichwohl dynamisch und schwungvoll. Der Geschmack bietet bietet eine enorme Vielfalt. Hier stoßen wirklich famose Richtungen aufeinander, beschnuppern sich, vereinigen sich, haben ein Ziel. Herbfruchtige, trockene, holzige, kernige, lederartige Aromen. Dazu wüstenhaft ausgedört-edles. Das windet, wendet und beugt sich unablässig, gewährt Einblicke, verwirrt, umschmeichelt, verwöhnt. Sehr anspruchsvolles Bier, das aber mit der nötigen Distanz auch von nicht ganz so verquerten und neugierigen Geistern bequem, rasch und freudig verkonsumiert werden kann. Ein Bier mit zwei Seiten. Einerseits schmeckt es einfach nur unheimlich gut und man wundert sich ein bisschen, woher dieser tolle, tiefe, volle Geschmack eigentlich kommt. Andererseits eine Aromasteilwand, die es gilt, zu erklimmen. Mit Tücken, versteckten Graten, Hindernissen, weiten, sanften Feldern. Ich bin entzückt. Tolles Bier. Unheimlich viele Varianten. Und was niemals auftritt: Kanten, Ecken, Störenfriede. Trotz allem Gewurschtel bleibt dieses Dunkle immer kontrolliert, gutmütig, einfühlsam. Es ist kein Geheimnis, das oft die in der Statistik nie weit vorne liegenden Dunklen die wertvollsten Aromen abliefern. So auch hier. European Beer Star Tasting fucking Gold Award hin oder her. Die Ostfriesen haben nicht nur Otto. Die Ostfriesen haben auch wirklich unglaublich gutes Bier. Unheimlich vollmundig und sanft. Bekömmlich und so süffig, dass man aufpassen muss, die kleine Flasche nicht samt Bier zu verschlucken. Die aromatischen Zutaten, Hopfen und Malz, entwickeln ein Geschmacksfeuerwerk, vor dem man sich nur ehrfürchtig verbeugen kann. Nein. Quatsch. Man schaut natürlich empor und erfreut sich an jeder leuchtend platzenden Aromarakete. Abschließen sollte noch erwähnt werden, dass dieses Bier nicht unbedingt schmeckt wie eines aus einer Hausbrauerei, will sagen, so schräg-frisch, sympathisch ungehobelt, fast perfekt … nein, es schmeckt einfach nur wie ein ganz Großes. Kompliment in den hohen Nordwesten. Das ist hohe Braukunst.

Fazit: Kein Ostfriesenwitz
Wertung: + + + + + + [t 12/06]
Gebraut nach dem Reinheitsgebot von 1516: JA
Zutaten: Wasser, Malz, Hefe, Aromahopfen
PS: Vielen Dank an Rene Krischer, seines Zeichens verantwortlicher Braumeister, für die Zusendung dieses außergewöhnlichen Bieres.